Erkennen

Was ist das Spektrum der Emotionen – und was bedeutet Spielraum?

Unser Gefühlsleben ist vielfältig. Freude, Angst, Wut, Traurigkeit, Ekel und Überraschung gehören ebenso dazu wie Scham, Schuld, Neid, Stolz, Eifersucht, Verlegenheit oder Dankbarkeit.

Das Spektrum beschreibt unterschiedliche emotionale Zugänge und die Vielfalt der Möglichkeiten menschlichen Erlebens. Doch nicht jeder Bereich dieses Spektrums ist für uns gleichermaßen zugänglich. Manche Emotionen nehmen schnell viel Raum ein. Andere bemerken wir kaum oder können sie nur schwer einordnen und ausdrücken.



Das Spektrum

Stell dir unser emotionales Erleben wie einen Kreis vor, auf dem unterschiedliche Emotionen mit vielen Abstufungen und Übergängen liegen.

Dieses Spektrum sieht bei jedem Menschen anders aus und verändert sich mit Erfahrungen, Lebensphasen und Situationen. Es gibt dabei keine richtige Verteilung, die erreicht werden müsste. Interessanter ist, welche Bereiche für uns selbstverständlich zugänglich sind, welche uns schnell bestimmen und welche wir kaum kennen.

Kreisförmige Darstellung des emotionalen Spektrums mit primären und sekundären Emotionen entlang eines Farbverlaufs.


Verzerrungen

Manche Situationen lösen sehr zuverlässig bestimmte emotionale Reaktionen aus. Kritik wird vielleicht schnell zu Scham, Unsicherheit zu Angst oder eine Grenzüberschreitung sofort zu Wut. Ein eigentlich schöner Moment kann in Sorge darüber kippen, wie lange er wohl anhalten wird.

Keine dieser Emotionen ist deshalb falsch. Aber wenn bestimmte Reaktionen sehr schnell und sehr häufig auftreten, prägen sie auch, wie wir eine Situation wahrnehmen und welche Möglichkeiten wir darin sehen.

Eine Verzerrung beschreibt in diesem Modell einen Bereich des Spektrums, der unser Erleben besonders stark bestimmt. Andere mögliche Reaktionen treten dabei leichter in den Hintergrund.

Emotionsspektrum mit ungleichmäßiger Kontur, die unterschiedlich stark ausgeprägte Bereiche des emotionalen Erlebens veranschaulicht.


Blinde Flecken

Andere Bereiche unseres emotionalen Spektrums sind schwerer zugänglich. Vielleicht bemerkst du Ärger erst Stunden später. Traurigkeit fühlt sich unnötig oder peinlich an. Stolz ist dir fremd. Oder du kannst Freude wahrnehmen, aber nur schwer zeigen.

Warum das so ist, kann sehr unterschiedlich sein. Ein blinder Fleck bedeutet zunächst nur, dass eine Emotion schwer wahrzunehmen, einzuordnen, zuzulassen oder auszudrücken ist.

Manchmal wissen wir deshalb lange gar nicht, dass uns an dieser Stelle etwas fehlt. Wir kennen vor allem die Reaktionen, die uns vertraut sind.

Emotionsspektrum mit grau markierten Bereichen als Darstellung emotionaler blinder Flecken.


Spielraum

Spielraum bezeichnet bei eigengrund die Möglichkeiten, die einem Menschen im Wahrnehmen, Zulassen und im Umgang mit seinem emotionalen Erleben zur Verfügung stehen.

Stell dir zwei Menschen vor, die beide wütend werden. Der eine bemerkt seine Wut erst, nachdem er laut geworden ist. Der andere spürt sie früher und kann entscheiden, ob er etwas sagt, eine Grenze setzt, kurz wartet oder die Situation verlässt. Beide erleben Wut. Der Unterschied liegt in den Möglichkeiten, die ihnen in diesem Moment zur Verfügung stehen.

Das meinen wir mit Spielraum.

Dasselbe kann für Angst, Scham, Traurigkeit oder Freude gelten. Angst kann da sein, ohne automatisch zu bestimmen, was du als Nächstes tust. Du kannst Ärger wahrnehmen, bevor du ihn herunterschluckst oder ausagierst. Du kannst Freude zeigen, ohne sie sofort kleiner zu machen. Du kannst traurig sein und gleichzeitig mit einem anderen Menschen in Kontakt bleiben.

Mehr Spielraum bedeutet also nicht, möglichst viele Emotionen möglichst intensiv zu fühlen. Es geht darum, mehr von dem wahrnehmen und zulassen zu können, was tatsächlich da ist, und darin mehr als eine automatische Reaktion zur Verfügung zu haben.

Emotionales Spektrum als Farbkreis mit ungleichmäßiger Kontur und grau markierten blinden Flecken.


Es geht nicht um einen perfekten Kreis

Die Darstellung des Spektrums kann leicht den Eindruck erwecken, ein gleichmäßiger, vollständig zugänglicher Kreis sei das Ziel. So ist das Modell nicht gemeint.

Es gibt Situationen, in denen Angst viel Raum einnimmt, und gute Gründe dafür. Es gibt Zeiten großer Trauer, Momente heftiger Wut und Phasen, in denen Freude selbstverständlich im Vordergrund steht. Auch ein großer Spielraum bedeutet nicht, dass alle Emotionen jederzeit gleich zugänglich sind.

Der Kreis ist deshalb kein Idealbild, dem wir uns annähern müssen. Er hilft dabei, Unterschiede sichtbar zu machen: Wo bin ich beweglich? Wo läuft etwas sehr automatisch ab? Was kenne ich gut? Was vielleicht kaum?



Warum das einen Unterschied machen kann

Was wir wahrnehmen, beeinflusst auch, welche Möglichkeiten wir in einer Situation sehen. Wenn ich meinen Ärger nicht bemerke, fällt es mir möglicherweise schwerer, eine Grenze zu setzen. Wenn Angst sehr schnell mein Erleben bestimmt, erscheint Vermeidung vielleicht wie die einzig vernünftige Möglichkeit. Wenn Scham auftaucht und ich automatisch still werde, bemerke ich womöglich erst später, dass ich eigentlich etwas sagen wollte.

Mehr Spielraum kann dann etwas sehr Konkretes bedeuten: Ich bemerke früher, was in mir geschieht. Eine vertraute Reaktion wird sichtbar. Und manchmal entsteht dadurch die Möglichkeit, ihr zu folgen – oder etwas anderes zu tun.

Das ist auch der Grund, warum es bei eigengrund weniger darum geht, bestimmte Gefühle loszuwerden. Interessanter ist, wie frei wir uns mit ihnen bewegen können.



Eine Emotion selbst erkunden

In den Emotionsräumen kannst du einzelne Bereiche dieses Spektrums genauer kennenlernen. In jedem Raum widmen wir uns jeweils in 21 kurzen Einheiten einer Emotion mit Texten, Fragen und Wahrnehmungsübungen.

Der erste vollständige Raum „Mit Scham sitzen“ ist kostenlos.

Hinweis. Diese Seite und diese Angebote sind keine psychotherapeutische oder ärztliche Behandlung. Bei akuten Krisen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (kostenlos, 24/7).

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